Walter Theilers Wie sich unser Alltag langsam beschleunigte ist eine monumentale kultur- und wirtschaftshistorische Untersuchung der modernen Zeitverdichtung anhand von 111 Alltagsbeispielen.
Vom Haushalt über Ernährung, Bildung und Mobilität bis zu Sport, Kommunikation und Kultur verfolgt der Autor, wie technische Innovationen Tätigkeiten verkürzen und Lebensrhythmen verändern.
Besonders überzeugend ist die Verbindung konkreter Gegenstände und Gewohnheiten mit Theorien von Hartmut Rosa, Reinhart Koselleck und anderen Zeitdiagnostikern.
Theiler argumentiert kenntnisreich, systematisch und mit großer Materialfülle, ohne Beschleunigung pauschal zu verurteilen.
Seine zentrale Einsicht lautet, dass wir Zeit nicht wirklich sparen, sondern immer mehr Handlungen und Entscheidungen in dieselbe Zeitspanne hineinpressen.
Die anschaulichen Vergleiche zwischen früheren und heutigen Abläufen machen abstrakte gesellschaftliche Entwicklungen unmittelbar verständlich.
Mitunter wirkt die enzyklopädische Fülle überdimensioniert, und manche Exkurse hätten stärker gestrafft werden können.
Gerade die Beharrlichkeit der Darstellung macht jedoch sichtbar, wie tief Beschleunigung in nahezu alle Lebensbereiche eingedrungen ist.
Das Buch ist ein gelehrter, anregender und zugleich alltagsnaher Beitrag zur Frage, warum gewonnene Zeit so häufig in neuen Zeitstress umschlägt.


