Heute besprechen wir das Buch El Atico – Tango auf dem Dachboden von Wilhelm Kelber-Bretz, erschienen beim Verlag Europa Buch. Wir präsentieren hier ein Interview mit dem Autor des Buches, um die persönlichen Aspekte und die wichtigsten Erfahrungen zu verdeutlichen, die in diesem Text verdichtet sind. Wir besprechen auch die wichtigsten Themen, die der Autor im Laufe seines Schreibens anspricht und die er mit seinen Leserinnen und Lesern teilen möchte.
Hier ist das Interview mit dem Autor: Viel Spaß beim Lesen.
- Welche Themen und Inhalte werden von Ihnen in dem Buch angesprochen?
Im Roman „El Atico – Tango, auf dem Dachboden“ geht es natürlich um den Tango, um die Suche nach dem „wahren“ Tango. Es geht aber auch um politische Hintergründe in den 1970er Jahren in Deutschland und während der Militärdiktatur in Argentinien sowie um Geschichten in der heutigen Zeit in einem besonderen Hamburger Stadtteil und Buenos Aires.
Das Ganze wird erzählt anhand der Lebensgeschichte Gregors, dem Protagonisten. Er ist Ende sechzig und hat sein Leben nach der Trennung von seiner Frau nicht mehr in den Griff bekommen. Seit einiger Zeit lebt er allein in einem Hamburger Migranten- und Arbeiterviertel. Eines Nachts entdeckt er zufällig in der Nähe ein Tangolokal, das „El Atico“. Er wird vom Tangofieber gepackt. Doch dann holt ihn seine politische Vergangenheit als Student wieder ein.
- Wer sollte dieses Buch unbedingt lesen? Was möchten Sie ihm oder ihr vermitteln?
Ich denke, jeder Tangotänzer und jede Tangotänzerin wird Interesse an diesem Buch haben. Jeder und jede erfährt mehr über den Tango, von der historischen Einbettung in Argentinien, bis hin zur heutigen Ausprägung in Deutschland.
Darüber hinaus werden politisch Interessierten im Roman noch einmal die Verbrechen der Militärdiktatur in Argentinien Ende der 1970er Jahre und die Rolle des Tangos in dieser Zeit vor Augen geführt, aber auch der Widerstand und die Aktivitäten dagegen in Deutschland und in Buenos Aires aufgegriffen.
Zuguterletzt stellt der Hamburger Stadtteil Harburg, insbesondere das Phoenix Viertel, mit dem bestehenden Tangostudio, „Das Ático“, die Hintergrundkulisse des Romans dar. Alle Harburger mit lokalem und soziokulturellem Interesse dürfte der Roman interessieren.
- Wann und warum haben Sie sich entschieden, dieses Buch zu schreiben?
Vor über 30 Jahren hörte ich zufällig in einem Cáfe Astor Piazzollas “Libertango“. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass man dazu überhaupt tanzen könnte, hatte aber sofort den Wunsch, Tango zu lernen. Zusammen mit meiner Frau fing ich dann in Hamburg damit an. Aber als wir kurze Zeit später unsere Kinder bekamen und umgezogen sind, haben wir fast 25 Jahre lang wieder ausgesetzt.
Doch der Tango hat mich nie losgelassen. So begannen wir vor etwa sechs Jahren wieder damit. Immer mehr begeisterte mich der Tango, so dass wir nicht nur in unserem Studio blieben, sondern in Hamburg, auf Kreta, in Marseille und schließlich in Buenos Aires, im Ursprungsland des Tangos, viele Milongas besuchten und uns tänzerisch immer weiterentwickelten.
Der Tango ist so faszinierend und vielfältig, man muss dabeibleiben und will immer weiterkommen. Es ist eine ständige Suche und wird schließlich zu einer Sucht!
Ich wollte immer mehr darüber wissen: Was bedeutet mir eigentlich der Tango? Wie ist er entstanden, welche Rolle spielte er zu Beginn in Buenos Aires? Gibt es den „wahren“ Tango? Welche Bedeutung hat die Tangogemeinschaft bei einer Milonga?
Als wir dann vor gut, zwei Jahren das Tangostudio „Das Ático“ übernehmen wollten, stellte sich auch die Frage, welche Aufgaben ein solches Studio beim sozialen Miteinander und im Stadtteil übernehmen kann?
Mit all diesen Gedanken im Kopf entwickelte sich langsam die Idee, darüber ein Buch, nach meinen Sachbüchern, nun in Form eines Romans, zu schreiben und mir dabei über den Tango und allen aufgeworfen Fragen klarer zu werden.
So habe ich mich vor fast zwei Jahren darangesetzt und meinen ersten Roman begonnen, der schließlich nicht nur die Suche nach dem Tango beschreibt, sondern ihn mit viel Fantasie in meine eigene Geschichte, meine Erlebnisse und Erfahrungen in Harburg und Buenos Aires und auch in die politischen Hintergründe zur Zeit der damaligen Militärdiktatur 1978 in Argentinien einbindet.
- Welche Emotionen möchten Sie mit Ihrem Buch bei den Lesern hervorrufen?
Bei meinen Recherchen zum Buch, insbesondere zu den Anfängen des Tangos in Buenos Aires, ist mir klar geworden, was der Tango früher bedeutete und welche vielfältigen Emotionen die Menschen damals durch diesen Tanz ausgedrückt haben. Tango bedeutete Zuversicht und Hoffnung, die Sehnsucht nach dem Neuen und nach Freiheit. Im Tango spiegelte sich aber auch die Verzweiflung, die Niederlagen, die Trauer und der Abschied wider. Hinzu kam die Freude, die Lebenslust und die Leidenschaft.
In Ansätzen spüre ich das auch heute beim Tangotanzen und habe diese Emotionen vor allem in Buenos Aires, in Argentinien, erlebt. Genau das würde ich gerne durch mein Buch auch den Lesern vermitteln.
Darüber hinaus möchte ich politische Betroffenheit erzeugen. Der Leser soll wahrnehmen, dass der Tango auch eine soziale Funktion haben und eine politische Rolle einnehmen kann.
- Wie haben Ihr Freundeskreis, Ihre Bekannten oder Ihre Familie auf die Buchveröffentlichung reagiert? Stehen schon neue Projekte an?
Meine Freunde und Bekannten reagierten zunächst verblüfft, dass ich mich nach meinen bisherigen Sachbüchern nun auch an einen Roman heranwagen würde. Sie waren dann überrascht, dass der Roman nicht Klischees zum Tango bediente, sondern tiefergehend sowie erkennbar meine eigene Geschichte inhaltlich mit den aktuellen sozialen Bedingungen eines Arbeiter- und Migrantenviertels in Hamburg und den politischen Hintergründen der 1970er Jahre verbindet.
Ich arbeite schon wieder an einem neuen Roman. Diesmal geht es um meine Reise Ende der Siebziger Jahre nach Afghanistan. Aus diesen Erfahrungen heraus und den aktuellen politischen Entwicklungen, möchte ich die Fluchtbewegungen der letzten Jahrzehnte ebenfalls in Form eines Romans verarbeiten.
Wir danken dem Autor für die Beantwortung unserer Fragen und die Hilfe, den Text und die damit verbundenen Erfahrungen auf den Kern zu bringen. El Atico – Tango auf dem Dachboden von Wilhelm Kelber-Bretz, erschienen beim Verlag Europa Buch, verdient es, aufmerksam gelesen zu werden, weil das Buch neue Perspektiven und Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet.


