Thorsten Rauwolfs Die Wahrheit ist ein Jugendroman über Ausgrenzung, erste Liebe und die schwierige Suche nach einer eigenen Stimme.
Im Mittelpunkt steht die dreizehnjährige Nicole, die 1984 in Schule und Familie mit Armut, Mobbing, sexueller Belästigung und fehlender Anerkennung konfrontiert wird.
Die konsequent subjektive Erzählweise macht ihre Unsicherheit, ihre Wut und ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit unmittelbar erfahrbar.
Besonders interessant ist das titelgebende Motiv der Wahrheit, die je nach Perspektive anders erscheint und durch Verschweigen, Selbsttäuschung und familiäre Geheimnisse immer wieder infrage gestellt wird.
Rauwolf schreibt direkt, dialogreich und nah an der jugendlichen Alltagssprache.
Diese Unmittelbarkeit verleiht dem Roman Authentizität, führt jedoch stellenweise zu Wiederholungen und sprachlicher Unebenheit.
Die Verbindung von Liebesgeschichte, Schulalltag und historischer Familienrecherche erweitert den Text über ein reines Coming-of-Age-Schema hinaus.
Mitunter werden Konflikte sehr ausdrücklich benannt, statt erzählerisch verdichtet.
Die Wahrheit bleibt dennoch ein engagierter, zugänglicher Roman über Selbstbehauptung und die Erkenntnis, dass Wahrheit selten nur eine einzige Gestalt besitzt.


