Heute besprechen wir das Buch So gesehen ‹Eine Minute› Geschichten von Bärbel Maiberger, erschienen beim Verlag Europa Buch. Wir präsentieren hier ein Interview mit der Autorin des Buches, um die persönlichen Aspekte und die wichtigsten Erfahrungen zu verdeutlichen, die in diesem Text verdichtet sind. Wir besprechen auch die wichtigsten Themen, die die Autorin im Laufe ihres Schreibens anspricht und die sie mit ihren Leserinnen und Lesern teilen möchte.
„So gesehen – ‹Eine Minute› Geschichten“ von Bärbel Maiberger sind kleine Texte mit großer Wirkung. Wie viel Leben passt in eine Minute? Bärbel Maiberger zeigt: eine ganze Welt. In „So gesehen“ verwandelt sie Alltagsbegegnungen in literarische Miniaturen – berührend, überraschend, mit feinem Humor. Mal heiter, mal nachdenklich, immer voller Menschlichkeit. Für alle, die im Kleinen das Große entdecken möchten.
Hier ist das Interview mit der Autorin: viel Spaß beim Lesen!
- Welche Themen und Inhalte werden von Ihnen in dem Buch angesprochen?
Unzulänglichkeiten, Versagen, Schwächen aber auch Stärken – all das macht uns Menschen aus. Bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt werden wir schuldig oder auch zu Alltagshelden. Die Beweggründe für unser Handeln, unsere Entscheidungen zeugen von Mut, Neugierde, spiegeln unsere Sehnsüchte oder Enttäuschungen, auch Missgunst und Schadenfreude wider. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere beim Lesen ertappt. Reue und Vergebung sind Thema – und was daraus an Positivem entstehen kann. Es geht immer um die Menschen in all ihren Facetten. Sich ernstgenommen fühlen sich verstanden wissen, ist wichtig und prägt fürs Leben. Manche Alltagssituationen im Buch sind kurze Momentaufnahmen, die in den Lesern Erinnerungen wecken, weil jeder irgendwann ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder jemanden kennt, auf den das zutrifft. Es soll berühren, zum Nachdenken anregen, uns auch schmunzeln lassen. Was motiviert uns, was hemmt uns und hält uns davon ab zu tun, wovon wir wissen, dass es richtig wäre? Fragen werden nur indirekt aufgeworfen, stehen im Raum. Manch einer springt über seinen Schatten, lernt aus der Erfahrung. Erfahrungen können schmerzlich sein, aber vielleicht bedarf es nur einer einzigen in einer bestimmten Situation, die unseren Blick verändert, sogar korrigiert, uns lernen lässt.
- Wer sollte dieses Buch unbedingt lesen? Was möchten Sie ihm oder ihr vermitteln?
Wer auf ganz unterschiedliche Weise in Kürze unterhalten werden möchte, sollte die Geschichten im Buch lesen. Jeder findet passendes. Tragik, Spannung, Ironie, Komik – manchmal unbeabsichtigt – lassen die Leser unvermittelt in die Geschichten eintauchen, die in wenigen Worten und in meist nicht mehr als einer Minute erzählt sind. Die Leser werden sich selbst oder Bekannte in den Geschichten wiedererkennen, denn die beschriebenen Situationen kennt so ziemlich jeder. Dadurch werden die Geschichten zu ihren eigenen, rufen vielleicht Erinnerungen wach. Wer nicht Zeit oder Lust hat, einen Roman mit mehreren hundert Seiten zu lesen, kann unterwegs im Bus, in der Bahn – wo auch immer – für einen Moment in eine andere Welt eintauchen und das Gelesene nachwirken lassen. Wer ein Buchgeschenk sucht, ohne sich auf ein bestimmtes Thema festlegen zu wollen, liegt mit dem Buch richtig. Nicht immer kennen wir den Geschmack der Person, der wir mit einem Buch eine Freude machen möchten. Die unterschiedlichen Geschichten bieten für jeden Geschmack etwas. Langeweile kann aufgrund der Kürze gar nicht erst aufkommen. Menschen brauchen Beziehungen, doch diese sind manchmal mehr, manchmal weniger kompliziert und herausfordernd. Unterschiedliche Erwartungen prallen aufeinander. Aus Liebe können wir auch mal zurückstecken und womöglich erleben, dass wir etwas von größerem Wert dafür bekommen.
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Bärbel Maiberger Wann und warum haben Sie sich entschieden, dieses Buch zu schreiben?
In möglichst knapper Form etwas zu vermitteln, das des Nachdenkens wert ist, hat mich schon immer gereizt. Deshalb veröffentlichte ich zuvor Gedichte, Haiku und Aphorismen – zuletzt ein Buch mit 100-Wörter-Geschichten. Es gibt jedoch Geschichten, die sich schwer in ein so starres Korsett quetschen lassen, aber die ich für wert empfand, sie zu erzählen und weiterzugeben. Mehrere Geschichten warteten nur darauf, gedruckt zu werden. Sowie sich die Chance dafür abzeichnete, sprudelten die Ideen für neue, die innerhalb weniger Wochen entstanden. Das Leben erzählt ständig Geschichten, man muss sie nur wahrnehmen. Über das, was vor Augen ist, interessiert mich, was die Menschen motiviert, warum sie sich so verhalten und was sie letztlich dazu brachte. Auch das Nachspüren, was sie dabei empfinden, ist mir wichtig. Wenn wir den Hintergrund verstehen oder auch nur erahnen, beurteilen wir das Verhalten eventuell vorsichtiger und verurteilen die Menschen nicht leichtfertig. Dies zu vermitteln, versuche ich. Das könnte man natürlich auch in einem Roman. Jedoch erreicht man mit kurzen Texten bestimmt auch solche Leser, die nicht oder nicht mehr umfangreiche Romane lesen möchten, aber Geschichten lieben.
- Welche Emotionen möchten Sie mit Ihrem Buch bei den Lesern hervorrufen?
So unterschiedlich wie die die Geschichten sind, so unterschiedlich werden die hervorgerufenen Emotionen sein. Schnell sehen wir an anderen, was uns missfällt, vielleicht meinen wir zu unrecht, dass uns das nicht passieren würde. Doch manchmal geschieht es, dass wir unser eigenes Verhalten wiedererkennen und bestenfalls unsere eigenen Beweggründe für unser Verhalten in Frage stellen. Dass dies wirklich geschieht, wäre eine zu hohe Erwartung, aber unterhalten sollten die Geschichten unbedingt – und gern auch zum Nachdenken anregen. Es kann sein, dass manche Geschichte auch Widerspruch oder Mitleid auslöst, uns amüsiert oder gar betroffen zurücklässt. Wenn Geschichten überhaupt Emotionen auslösen können – egal welche – lassen sie die Leser nicht kalt. Gelingt dies, ist viel erreicht. Es sind immer die Menschen in ihrem Umfeld in bestimmten Situationen, denen mein Interesse gilt. Die Geschichten sollen nur aufzeigen, nicht erklären oder gar urteilen. Letzteres bleibt den Lesern vorbehalten. Wie bei Gedichten wird ein Text uns in einem bestimmten Moment besonders ansprechen oder auch nicht. Es kommt auf unsere Verfassung, auf unsere aktuelle Lebenssituation an. Doch gerade deshalb können wir – ohne großen Zeitaufwand – kurze Texte, die tiefer gehen, immer mal wieder lesen. Rezensionen sind eine Möglichkeit, um als Autor:in mitzubekommen, was bei den Lesern ankommt und ausgelöst wird.
- Wie haben Ihr Freundeskreis, Ihre Bekannte oder Ihre Familie auf die Buchsveröffentlichung reagiert? Stehen schon neue Projekte an?
Wer weiß, dass ein neues Buch erscheint, wartet gespannt darauf. Kurze Geschichten eignen sich hervorragend als kleines Geschenk. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung – kurz vor Weihnachten – kommt vielen gelegen. Die Menschen, die mich kennen, wissen, welche Themen mir wichtig sind, womit sie rechnen können. Romane sind ein anderes Genre und eine neue Herausforderung. An Herausforderungen wachsen, zieht sich unter anderem auch als Thema durch die Kurzformate, die bisher erschienen sind. Als neues Projekt möchte ich nun einen Roman verwirklichen. Der Zuspruch und die Wertschätzung, die ich bislang erfahren habe, halfen mir, etwas zu wagen, das ich lange Zeit ausgeschlossen hatte. Viele Geschichten leben in uns, lassen uns nicht los, wollen heraus. Das ist keine Garantie für Erfolg und dass diese Geschichten andere gleichermaßen ansprechen. Doch nur wer wagt, kann gewinnen. Bei aller Fantasie und Verfremdung stecken immer auch eigene Erfahrungen, oder die anderer in erzählten Geschichten. Was man nachempfinden, nachvollziehen kann, ermöglicht eher eine glaubwürdige Vermittlung. Eigene Texte sind wie eigene Babys, die man zur Welt bringt, viel Herzblut und Energie darauf verwendet, alles beim Schreiben selbst durchlebt. Bei der Kritik, auf die man gefasst sein muss, sind wir wieder beim Thema „Wachsen“, was oft schmerzlich ist, aber uns weiterbringt.

Wir danken der Autorin für die Beantwortung unserer Fragen und die Hilfe, den Text und die damit verbundenen Erfahrungen auf den Kern zu bringen. So gesehen ‹Eine Minute› Geschichten von Bärbel Maiberger, erschienen beim Verlag Europa Buch, verdient es, aufmerksam gelesen und genossen zu werden, weil das neue Perspektiven und Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet.



