Goerdt Abels Denn sie wissen nicht, was sie tun – Qualifikation der Politiker weltweit ist ein polemisch-analytischer Großessay, der Politik als Frage der Eignung und Auswahlverfahren verhandelt.
Aus einem privaten Diskussionsanlass heraus entwickelt der Autor die zentrale These, dass für nahezu jeden Beruf Qualifikationshürden existieren – für politische Spitzenämter jedoch erstaunlich wenige.
Der Text setzt weit ausgreifend an: von der Entwicklung des Homo sapiens und frühen Führungsstrukturen bis zu Staatsformen und Machtlogiken moderner Demokratien.
Dabei entsteht ein enzyklopädisches Panorama, das Hochkulturen, Imperien und nationale Fallstudien miteinander verschränkt.
Stärken hat das Buch, wenn es Muster sichtbar macht: Dominanzverhalten, Gruppeninteressen, die Rolle von Medien, die Mechanik von Loyalität und Selbstinszenierung.
Abel schreibt ausdrücklich diskussionsorientiert und fordert den Leser auf, festgefahrene ideologische oder religiöse Gewissheiten zu prüfen.
Der Ton ist oft normativ und appellativ; weniger literarische Ambivalenz als argumentative Dringlichkeit treibt die Kapitel voran.
Die Materialfülle beeindruckt, kann aber auch überfordern, weil sich historische Exkurse und aktuelle Diagnose nicht immer stringent bündeln.
Gerade als Zeitdokument wirkt das Buch dennoch produktiv: Es stellt unbequeme Fragen nach Standards, Verantwortung und Anreizsystemen politischer Karrieren.
Wer politikwissenschaftliche Systematik erwartet, wird gelegentlich mehr Behauptung als methodische Ableitung finden.
Wer hingegen einen anregenden, breit belesenen Denkraum sucht, erhält reichlich Stoff für Widerspruch, Zustimmung und Debatte.
Am Ende bleibt ein klarer Impuls: Demokratie braucht nicht nur Wahlen, sondern auch nachvollziehbare Kriterien dafür, wem wir Macht anvertrauen.


