„Wir werden wieder Menschen mit Träumen sein.“
Zum Buch „Der Krieg des kleinen Kerls oder Einmal Dortmund hin und zurück“ von Dudel Saque
Europa Buch Berlin März 2025
Das Thema Flucht ließ und lässt Schriftsteller:innen nicht los. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es u.a. B.Traven, Anna Seghers, Franz Werfel, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, die sich mit den Themen Krieg und Flucht, Diktatur und Demokratie, Solidarität und Menschlichkeit in ihren weltberühmten Werken auseinandersetzten. Jüngste Beispiele dafür sind Volker Weidermann und Florian Illies, die mit gründlichen Recherchen und eingehender Sprache ihre Leser:innen in die europäische Geschichte mitnehmen. Sie lassen die Grenzen zwischen Sachbuch und Belletrisik verschwinden. Und nun Dudel Saque. Mit seinem Buch „Der Krieg des kleinen Kerls oder Einmal Dortmund hin und zurück“ entführt der Autor Dudel Saque seine Leser:innen mehrstimmig und sehr einfühlsam in die jüngste europäische Vergangenheit und dabei doch in die Gegenwart. Das wohl selbstgewählte Pseudonym „Dudel Saque“ kommt nicht von ungefähr, denn einem Dudelsack gleich begleiten die Leser:innen Dauer- und Spieltöne. Stets fühlt man den Krieg, spürt die Angst, ist stolz auf den Mut und den Optimismus der Menschen in der Ukraine. Die Menschlichkeit und die Solidarität in Polen und Deutschland schildert Dudel Saque so beeindruckend, dass einem die Tränen kommen. Mit seiner harschen Kritik verschont der Autor niemanden, weder Präsidenten, Kanzler noch deutsche Beamt:innen. Wer bisher nicht überzeugt war, dass Deutschland endlich radikal entbürokratisiert werden muss, wird spätestens mit diesem Buch das anders sehen. Genauso entschieden kritisiert Dudel Saque die Korruption in der Ukraine. So wie der Dudelsackspieler auf dem Spielrohr seine verschiedenen Melodien spielt, lässt der Autor seine Protagonist:innen selbst zu Wort kommen. Jede Geschichte steht für sich, bleibt dabei immer eingebettet in die Dauertöne des Krieges, der Flucht und des Ungewissen in einem fremden Land. Verknüpft werden alle dieser Schicksale mit der Ankunft in einer kleinen westfälischen Stadt. Dudel Saque spricht aus, was viele Russländer:innen, darunter Russlanddeutsche, Ukrainer:innen, Ausländer:innen in und aus der Ukraine, Deutsche über Putins Krieg, seine Folgen für Europa und insbesondere für die Menschen hier und dort denken und diskutieren. Er verweist zu Recht auf das Fremdschämen vieler Deutscher für die Russen. (S.221)
Dudel Saque kennt sich bestens in der Geschichte, der aktuellen Politik sowie in den Sitten und Gebräuchen Russlands und der Ukraine aus. Das wird Gründe haben. Nur aus Erzählungen kann dieses umfangreiche Wissen nicht stammen. Durch die Ukrainer:innen, die in der (seiner) westfälischen Stadt ankommen, hat er die Rückseite der deutschen Verwaltung noch besser kennengelernt. Welche:r Deutsche versteht schon auf Anhieb die Behördenbriefe, die sie/ihn erreichen?
Der Autor hat einen ausgewiesenen Humor, der die ernsten Themen leichter verdauen lässt. Seine Sprache ist klar und prägnant. Tagesschaugleich: Hauptsätze, kurze Hauptsätze!!
Ernst Toller schrieb am Tag der Verbrennung seiner Bücher: „Nicht nur meine Jugend ist hier aufgezeichnet, sondern die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu.“* So schreibt auch Dudel Saque nicht über sich, sondern über Fliehende und Aufnehmende und damit über ein Stück Zeitgeschichte.
Ein anderer Titel, vielleicht der bessere, wäre der Satz des ukrainischen Mädchens Sofia: „Wir werden wieder Menschen mit Träumen sein.“ (S. 356)


