Clara Sollingers Odins weißer Rabe. Ausgewählte Gedichte ist ein Lyrikband, der Gegenwart als moralischen und existenziellen Prüfraum entwirft.
Die Leitmetapher aus der nordischen Mythologie – Odins Rabe und die verdunkelte Taube – bündelt das „Weltenzeug“ aus Krieg, Artensterben, Klimakrise und alltäglicher Gewalt zu einem unruhigen Chor.
Sollinger schreibt gegen die Abstumpfung an: Ihre Gedichte insistieren darauf, hinzuhören, nicht wegzusehen, und Verantwortung nicht zu delegieren.
Formal bewegt sich der Band zwischen freiem Vers, knapper Notation und meditativem Sprechen; oft entsteht Wirkung durch Lakonie und abrupte Zeilenbrüche.
Bemerkenswert ist die Verbindung von Kunst- und Naturmotiven: Malerei, Farbe, Atelier und Aquarell werden zu inneren Orten, an denen Erfahrung geordnet und verwandelt werden kann.
Gleichzeitig stehen Tiere und Landschaften nicht als Idylle, sondern als verletzliche Mitwelt im Zentrum – Amsel, Schwäne, Buchfink werden zu Indikatoren einer bedrohten Schönheit.
Die Sprache ist direkt, manchmal pathetisch, doch sie gewinnt Kraft aus Aufrichtigkeit und der Bereitschaft, Dissonanzen auszuhalten.
Wo Zeitdiagnose und Privates ineinandergreifen, gelingen besonders dichte Passagen: Liebe, Erinnerung, Scham und Hoffnung erscheinen als ethische Ressourcen.
Nicht jedes Gedicht erreicht die gleiche Konzentration; gelegentlich übersteuert der Appell die poetische Offenheit.
In der Summe aber entsteht eine eindringliche Sammlung, die Lyrik als Gewissen versteht – und als Versuch, „gelingende Zeit“ gegen die Übermacht des Lärms zu behaupten.


