Christian Wildthurms Das Notizbuch ist ein intimer Trauer- und Liebesroman, der aus dem Material des Alltags seine existenzielle Wucht gewinnt.
Im Zentrum steht Christian, dem nach dem Tod seiner Frau Andrea jeder Versuch von Normalität wie eine Maskerade erscheint.
Ein Notizbuch wird zum Gegenüber: Ort der Selbstbefragung, Speicher der Gefühle, „Zeuge“ für das, was gesagt wurde – und für das, was nie ausgesprochen werden konnte.
Als Doro in sein Leben tritt, kehren Wärme und Körperlichkeit zurück, doch die neue Nähe kollidiert mit Schuld, Erinnerung und dem Schatten der Selbstvorwürfe.
Der Text arbeitet mit einer Tagebuch-Ästhetik: direkte Sprache, abrupte emotionale Wechsel, radikale Ehrlichkeit statt literarischer Glättung.
Gerade diese Unmittelbarkeit macht die Lektüre so eindringlich, weil sie Trauer nicht erklärt, sondern spürbar macht – als Überfall, als Rückfall, als Dauerzustand.
Wildthurm zeigt überzeugend, wie Liebe nach Verlust nicht „Ersatz“ ist, sondern ein Risiko: Man kann wieder leben, aber nie mehr unschuldig.
Stark sind die Szenen, in denen Dialog zum Thema wird: Worte als Rettung, als Waffe, als verpasste Chance.
Mitunter wirkt der Ton pathetisch und der Blick kreist lange um dieselbe Wunde, doch das entspricht der inneren Logik von Trauerarbeit.
So entsteht ein Buch, das weniger Handlung als Seelenbewegung ist – ein Protokoll darüber, wie man zwischen Tod und Neubeginn einen eigenen Satz finden muss.


