Herbert Beyertz’ Roman Dolphin Song. Eine Reise zu den Wurzeln ist ein weit ausgreifendes Erinnerungs- und Suchbuch, das persönliche Biografie mit europäischer Zeitgeschichte verschränkt.
Der Ausgangspunkt wirkt zunächst unspektakulär: Holger Ley kehrt nach Jahren in das Haus seiner Kindheit zurück – und gerät in ein Netz aus Familiengeheimnissen, Kriegsschatten und unerledigten Fragen.
Mit Annie Labalue, Ethnologin und Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Besatzungssoldaten, verbindet sich die private Recherche zu einer kulturhistorischen Erkundung.
Parallel treibt ein zweites Rätsel die Handlung: Zwei Musiker einer legendären Band sind seit einem Konzert 1977 spurlos verschwunden – ihre Abwesenheit wird zum Resonanzraum für Verlust und Mythos.
Beyertz erzählt dabei nicht linear, sondern in Strömungen: Erinnerungen, Stimmen, Orte und Motive (Musik, Jagd, Meer) kehren wieder, verändern ihren Sinn, setzen neue Akzente.
Das „Europa“ des Romans erscheint als „noch nicht ganz verschüttetes Pompeji“ – als Kontinent, dessen Vergangenheit im Alltag weiterarbeitet.
Stark ist das Buch, wenn es intime Szenen und große historische Horizonte ohne plakativen Gestus zusammenbringt.
Die Sprache ist bildreich und bisweilen barock, mit Lust am Klang und an kulturgeschichtlichen Verweisen; sie verlangt Aufmerksamkeit, belohnt aber mit Dichte.
Nicht jede Abschweifung hält das Tempo, doch die Abschweifung ist hier Programm: Herkunft zeigt sich als Labyrinth, nicht als Stammbaum.
So wird Dolphin Song zu einem Roman über Spurensuche, über die Macht von Liedern und über das lange Echo politischer Gewalt in privaten Leben.
Eine anspruchsvolle, eigenwillige Lektüre, die weniger „auflöst“ als vertieft – und gerade dadurch nachhallt.


